Das Original: Die „Enzian” war eine deutsche Flugabwehrrakete, die gegen Ende 1943 entwickelt wurde. Sie war sowohl für den Boden-Luft- als auch den Luft-Luft-Einsatz vorgesehen und sollte primär gegen alliierte Bomberpulks Anwendung finden. Die Entwicklung erfolgte in einer Zweigstelle der Messerschmitt-Werke in Oberammergau. Nach etwa 38 Teststarts in der Erprobungsstelle der Luftwaffe in Peenemünde-West ab Mitte 1944 wurde das Projekt im Januar 1945 schließlich eingestellt.
Die Enzian besaß einen stämmigen Rumpf mit kurzen Flügeln sowie Bauch- und Rückenflossen und wies damit Ähnlichkeiten mit dem Ausgangsdesign der Me 163 auf. Einer der wichtigsten Vorteile bei der Konstruktion bestand darin, dass der Rumpf aus geformtem Sperrholz bestand, das der deutschen Kriegswirtschaft auch gegen Ende des Krieges noch in ausreichender Menge zur Verfügung stand.
Die ersten Versuchsmuster E-1, E-2 und E-3 besaßen noch den gleichen Flüssigkeitsraketenantrieb (RI 210B) von Walter wie die Me 163, die späteren Versionen E-4 und E-5 wurden dagegen von einem neu entwickelten Zweistoff-Raketenmotor (Konrad DVK) angetrieben. Für den Start besaß der Flugkörper zusätzlich vier Feststoff-Hilfsraketen. Dabei handelte es sich um vier Schmidding-Raketen 109-533 für Diglykol-Treibstoff, die vier Sekunden lang für 7.000 kp Schub sorgten und dann abgeworfen wurden. Für den Luft-Luft-Einsatz entfielen diese Hilfstriebwerke. Als Startrampe diente eine modifizierte Lafette der 8,8-cm-Flak 18, auf der eine 6,8 m lange Doppelschiene mit der Option zur Einstellung von Höhen- und Seitenwinkel aufgesetzt war.
In der ersten Flugphase erfolgte die Steuerung des Flugkörpers per Funk. Bei den Mustern E1–E3 kam eine „Straßburg-Kehl“-Funkfernsteuerung im 6-m-Band zum Einsatz, während die Seriengeräte ab E4 mit dem „Kogge“-Fernlenkgerät im 24-cm-Bandbereich ausgerüstet waren. Den Endanflug übernahm dann entweder das im Flugkörper eingebaute Infrarot-Lenksystem „Madrid“ oder ein akustischer Sucher von Telefunken und Messerschmitt, was für diese Zeit als ein extrem innovativer technischer Ansatz zu bewerten ist.
Technische Daten
| Erstflug | August 1944 |
| Hersteller | Holzbau Sonthofen |
| Stückzahl E-1 / E-4 | ca. 32 / ca. 28 |
| Spannweite | 4 m |
| Länge | 4 m |
| Gewicht | 1800 kg |
| Gefechtskopf | 500 kg |
| Geschwindigkeit | 300 m/s max |
| Reichweite | 25 km |
| Dienstgipfelhöhe | 16 km |
Aufnahmen der Startvorbereitung einer Enzian E-4 aus einer originalen Filmsequenz (Bundesarchiv)



Das Bauprojekt: Nach dem Durchforsten meiner Bücher und Hefte zum Thema Enzian fand ich zwar sehr schöne Fotos vom Original, aber keine akzeptablen oder verwertbaren Maßstabszeichnungen. Auch im Internet sah es eher mager aus. Die existierenden Zeichnungen waren eher als Skizzen einzustufen. Schließlich gelang es mir dann doch nach einiger Zeit eine verwertbare Grafik zu entdecken, die zusammen mit den bekannten Abmessungen der Flugabwehrrakete als Ausgangspunkt nutzbar war. In Kombination dieser Graphik und den mir vorliegenden Fotos vom Original sowie Aufnahmen restaurierter Flugkörper (die sich in verschiedenen Museen befinden), war es mir damit möglich Maßstabszeichnungen der Ausführungen E-1 und E-4 zu erstellen.

Im nächsten Schritt habe ich einen Modellbaukollegen kontaktiert, der für mich auf Basis der Maßstabszeichnung den Grundkörper sowie einen der Schmidding Raketen Grundkörper aus Leichtmetall drehen konnte. Der Grundkörper und die Schmidding Raketen wurden dann als Resinteile abgeformt, die dann weiter mit Details versehen wurden.
Die Haupt- und Heck-Flügel sowie die Seitenleitwerke entstanden jeweils aus zwei zusammengeklebten Plastikplatten. Mit Hilfe der mittig verlaufenden Klebenaht konnte ich sicherstellen, dass die Ober- und Unterseiten jeweils spiegelbildlich und gleichförmig verschliffen wurden. Im Anschluss daran erfolgte das Eingravieren der Steuerflächen und weiterer Details.
Schließlich habe ich zur Präsentation des Modells noch ein Holzbock aus Vierkantprofilen erstellt.





Basierend auf dem Teilesatz der Ausführung E-1 konnte ich dann mit geringfügigen Änderungen die Bauteile der Version E-4 erstellen. Dabei war es lediglich erforderlich, die Gravuren der Steuerflächen auf den Hauptflügeln so zu reduzieren, dass diese nur noch 2/3 der ursprünglichen Länge aufweisen. Außerdem habe ich die jeweils 4 kleinen Flügel aus Plastikplatte erstellt, die seitlich an den Schmidding Startraketen angebracht waren, um das Abtrennen der Startraketen zu erleichtern. Außerdem befanden sich vorne an den Hilfsraketen Leitungen, die noch zu ergänzen waren. Auch der vordere Konus-Bereich des Hauptkörpers musste etwas überarbeitet werden, da die Version E-4 ohne Aufschlagszünder ausgestattet war. Gemäß Anmerkungen in der einen oder anderen Literaturstelle war das Seitenleitwerk der E-4 geringfügig kleiner, aber ich konnte dies anhand der Fotos nicht entsprechend nachvollziehen.
Nach dem Abformen der Teile für beide Versionen folgte der erste Testbau, dessen Umsetzung einfach und zügig umgesetzt werden konnte.



E-1


E-4
Während der Projektumsetzung erhielt ich von einem Modellbaukollegen noch sehr interessante Fotos von Einzelteilen einer Enzian-Rakete, unter dessen Verwendung ich zum einen noch Metallhalterungen an den Seitenrudern ergänzt habe und zum anderen eines der Enzian-Modelle in der auffällig gelb-roten Lackierung bemalte und entsprechende Abziehbilder für die Beschriftung anbrachte. Inzwischen konnte ich herausfinden, dass es sich bei den Fotos um Aufnahmen von Einzelteilen handelte, die nach Amerika verschickt wurden und inzwischen im amerikanischen Smithsonian Museum restauriert wurden, wo das Exponat einer Enzian E-4 zu bewundern ist.


Im letzten Schritt erfolgte die Bemalung der gebauten Modelle, wobei mir im Nachgang erst klar wurde, dass wegen der Holzbauweise wahrscheinlich keine der Oberflächen aus Metall gefertigt waren. Die Farbwahl selbst ist meine Interpretation der Fotos vom Original, die ich unter Verwendung eines IT-Programmes nachträglich eingefärbt habe.
Modell 1: Enzian E-1



Modell 2: Enzian E-1



Modell 3: Enzian E-4



Weiter geht es im Teil 2 zum Thema Enzian mit der Startrampe und dem MIAG Ladekran.
Gert Brandl, Berlin (Februar 2026)
Literatur:
Waffen-Arsenal Sonderband S-67, Deutsche Flaraketen bis 1945
Waffenarsenal, Ausgabe 103, Deutsche Flugkörper




Starke Umsetzung danke für den Artikel