Ich gehe auf die 50 zu. Das ist an sich nichts Schlimmes, aber so langsam stelle ich fest, dass irgendwann eine Lesebrille brauchen werde. Beim Modellbau, wo man ja auch kleine Details direkt vor der Nase hat, habe ich mich bisher da drum herum gedrückt. Um zu sehen, was ich da genau tue, besorgte ich mir bei Amazon für ein paar Euros eine Lupenbrille. Nur, damit ich ab und zu wirklich in die Details abtauchen kann.

Dieses Ding hat mein Leben verändert. Es kommt mit mehreren auswechselbaren Stecklinsen für bis zu drei- oder fünffache Vergrößerung. Viele von Euch werden auch so ein Teil haben, also wisst ihr, wie viel mehr man auf einmal von seinen Ätzteilen oder Klebenähten sieht. Fantastisch. Ich setze die Brille kaum noch ab.

So sieht ein Cockpit für das nackte Auge aus.

Und jetzt kommt das Problem. Ich sehe wirklich Details von meinem Modell, die ich früher nicht gesehen habe. Und sie wirken riesengroß. Diese Klebenaht wirkt auf einmal wie der Gran Canyon. Der Ölfleck hat die Größe von Alaska. Ich sehe deutlich, wie schlecht ich das Gesicht von dieser 1/48-Figur bemalt habe. Und weil ich Modellbauer bin, und mich der innere Monk packt, fange ich an, diese winzigen Details zu korrigieren.

Und so sieht es mit einer Lupenbrille aus.

Ich verschwende Unmengen an Zeit damit, kleinste Dinge perfekt zu machen, die man mit dem bloßen Auge gar nicht sieht. Ich baue sowieso schon mit der Geschwindigkeit eines Gletschers, und jetzt hält mich der Detailwahn weiter auf. Nur weil diese Vergrößerungsbrille auf meiner Nase sitzt, und ich damit in eine eigene Welt eintauche. Ich habe versucht, öfter ohne die Vergrößerung zu arbeiten. Das ist, als würde man vom 80-Zoll Flachbildschirm-TV zurückgehen zum Röhrenfernseher aus den 80ern.

Es ist wie eine Sucht. Ich will diese Optik nicht mehr missen, aber sie macht mich zu ihrem Sklaven. Ich will ohne, kann aber nicht. Es ist ein Fluch.

Kennt Ihr das? Habt Ihr auch ein Fetischwerkzeug, ohne das Ihr nicht mehr leben könnt? Das die Grundlage für Euer Schaffen geworden ist? Was würde passieren, wenn es kaputtgeht oder Ihr es verliert? Ich bin neugierig – schreibt es gerne unten in die Kommentare!

Christian Höcherl, Berlin (Juni 2026)

4 Kommentare zu diesem Beitrag
  1. Noch schlimmer finde ich es mit Fotos, man denkt sich, jetzt dieses Detail schön in groß fotografieren und danach denkt man sich…. Dass lad ich besser nicht hoch. 😱😂

  2. Hallo Florian,
    da bin ich zu 100% bei dir. Aktuell habe ich bei 3D gedruckten Teile genau das Thema.
    Mit blossem Auge sehen die Flächen völlig akzeptabel aus, aber wenn man dann davon
    ein Foto in Nahaufnahme macht, sieht man leider dann doch noch erhebliche Riefen
    vom Druckvorgang. Da gibt es dann zwei Optionen:
    1. Augen zu und durch ..
    2. Schleifpapier raus und solange schmirgeln, bis die Riefen beseitigt sind, wobei dann aber
    auch das eine oder andere Detail dabei „flöten geht“.

    Gert

  3. Genau so geht es mir auch, immer alles „perfekt“ bauen, und die Lupe – ich verwende eine Echenbach- Kopflupe 2,5 / Nur bei Fgenz selten die mit 3,0

    Bei den Fotos ist das Problem- Digital- ein Handy macht immer die schlechten Fotos. Der kleine Mann im Handy rechnet die Fotos immer schön- und dann kommt das bei raus.

    Probiere es mal mit einer „alten“ gebrauchten Spiegelreflex- mit Großen Optik-Glas. Viel besser.

  4. Hallo Christian,
    genau das ist auch mein Problem. Es scheint so, dass das Modell deutlich mehr als das Original anbietet. Details hin oder her. Wer ein Modell in 1:72 aus etwa 50 cm anschaut, sollte nur das sehen was er auch beim Original aus 36 Metern erkennen kann. Da spielt es keine Rolle, ob mit oder ohne Brille.
    Eine Brille ist für den ins Alter gekommenen Modellbauer sicherlich unbedingt erforderlich. Im Alter schaut man ja auch nicht auf das Original ohne Sehhilfe!!!

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