Vorbild: Es ist schwer, über ein Flugzeug zu schreiben, das aktuell unter strenger Geheimhaltung steht. Ich versuche dennoch, einen Überblick zu geben, wobei die verfügbaren Informationen überwiegend aus frei zugänglichen Quellen sowie vom Trumpeter-Karton stammen und sich nicht in allen Punkten verifizieren lassen.
Bis 2021 war unklar, ob die Gerüchte über einen zweisitzigen Stealth-Jet aus China überhaupt zutreffen. Erst mit dem Auftauchen erster Bilder aus China, die das Flugzeug bei Rolltests zeigten, verdichteten sich die Hinweise. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Maschine noch in gelber Grundierung, sodass Details nur eingeschränkt erkennbar waren. Dennoch deutete sich bereits an, dass neue Triebwerke zum Einsatz kommen könnten. In diesem Zusammenhang wird häufig das in China entwickelte WS-10C genannt.
Aufnahmen aus dem Jahr 2023 lassen vermuten, dass inzwischen modernere WS-15-Triebwerke Verwendung finden könnten, möglicherweise auch mit Schubvektorsteuerung. Sollte sich dies bestätigen, würde China seine Abhängigkeit von russischen AL-31FN-Triebwerken weiter reduzieren. Über die Radarausstattung gibt es hingegen weiterhin keine gesicherten Erkenntnisse. Es wird jedoch angenommen, dass die J-20S über ein modernes 360-Grad-Infrarot-Targeting-System verfügt.
Auch hinsichtlich der Einsatzphilosophie hebt sich die zweisitzige Variante deutlich ab. Der zusätzliche Sitz ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht für Ausbildungszwecke vorgesehen, sondern für einen vollwertigen Weapon Systems Officer (WSO). Dessen Aufgabe dürfte es sein, während der Mission das Gefechtsfeld zu überwachen und zu koordinieren. Dazu zählen unter anderem Electronic Warfare, die Einbindung bemannter und unbemannter Systeme sowie die Verarbeitung und Zusammenführung von Sensordaten in Echtzeit.
Teilweise wird spekuliert, dass die J-20S über einen deutlich größeren Wirkungsradius als westliche Muster wie F-22 oder F-35 verfügen könnte, belastbare Daten hierzu liegen jedoch nicht vor.
Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass es sich bei der J-20S weniger um einen klassischen Jäger, sondern vielmehr um eine Art fliegenden Gefechtsfeldkoordinator im Stealth-Design handelt, der nicht nur eigene Fähigkeiten einbringt, sondern auch andere Einheiten vernetzt und führt. Ein Ansatz, der in dieser Form derzeit als außergewöhnlich gelten kann.
Bausatz: Bereits 2020 brachte Trumpeter die J-20 als Einsitzer auf den Markt, nun kommt der Bausatz als Zweisitzer. Wie immer bei Trumpeter kommt dieser in einem Stülpkarton mit attraktivem Deckelbild, und an den Seiten des Kartons finden sich einige Informationen zum Bausatz sowie eine kleine Story über das echte Flugzeug.
Hebt man den Deckel des Kartons, findet man ein sehr eng bemessenes Packing vor. Die obere Rumpfhälfte ist ein massives Riesenteil, das in seinem Gussrahmen wirklich saugend in den Karton passt, das sitzt fast schon fest.

Der Karton ist so aufgebaut, dass die untere Rumpfhälfte bereits an der oberen „angebracht“ ist und mittels eines Pappinlays die übrigen Gussrahmen voneinander getrennt werden. Unter diesem Pappinlay herrscht jedoch ein gewisses Durcheinander, was später tatsächlich zu einem kleinen Problem führt, auf das ich noch zurückkommen werde.

Die Teile sind tatsächlich identisch mit denen der einsitzigen Variante. Lediglich der Gussrahmen M mit dem zweiten Sitzplatz sowie die obere Rumpfhälfte und die Klarsichtteile unterscheiden sich. Auch der Bau in der Anleitung folgt dem gleichen Schema.
Hier gibt es zudem eine kleine Besonderheit im Vergleich zu anderen Flugzeugmodellen, man beginnt nicht mit dem Cockpit. Stattdessen startet der Aufbau mit der unteren Rumpfhälfte sowie dem Einbau des kompletten Fahrwerks, der Weapon Bays und der vorderen Lufteinlässe.
Ist dies erledigt, wird das Cockpit von unten in die obere Rumpfschale eingesetzt. Da nicht bekannt ist, wie das Original tatsächlich aussieht, dürfte es sich hier eher um ein „What-if“-Cockpit handeln. Orientiert man sich gedanklich am Layout der F-35, wirkt das Ganze für meinen Geschmack etwas überladen, die F-35 ist in dieser Hinsicht deutlich aufgeräumter.
Ansonsten liegen PE-Gurte für die Sitze sowie separate Decals für die Displays bei. Interessanterweise sind auch alle Teile für das Einsitzer-Cockpit enthalten, sodass man dieses theoretisch als kleines Nebenprojekt separat bauen könnte.



Die Qualität der Teile ist wie immer solide, Fehler beim Guss sucht man vergeblich. Die Panellines sind sehr fein gearbeitet und sollten im Maßstab gut passen. Die Weapon Bays und das Fahrwerk sind, gemessen an den Bildern des Originals der Einsitzer-Version, gut wiedergegeben. Es wurden einige Leitungen und Kabel dargestellt, jedoch nicht so ausgeprägt wie zum Beispiel bei der Tamiya F-35.
Hier findet sich auch eine nette Neuerung bei Trumpeter, endlich kann man frei wählen, ob Weapon Bays und Fahrwerksklappen offen oder geschlossen dargestellt werden sollen. Wer schon einmal ein Trumpeter-Kit gebaut hat, weiß, dass diese im geschlossenen Zustand oft nicht besonders gut passen und entweder zu groß oder zu klein ausfallen.




Die Räder sind so gegossen, dass sie unter Last stehen, eine schöne Sache. Auch von den Gummireifen hat sich Trumpeter hier verabschiedet. Generell gibt es bei neueren Kits von Trumpeter immer mal wieder kleinere Neuerungen, wie zum Beispiel die Canopy-Masken beim UH-1Y Venom. Trumpeter muss sich aber auch langsam bewegen, sonst werden sie von der Konkurrenz abgehängt.
Leider gibt es hier kein Masking für die Canopy, dafür aber ein anderes Schmankerl, 3D-gedruckte Schubdüsen. Zunächst dachte ich, diese wären einfach eine tolle Beigabe aber als ich die alten Düsen aus der Einsitzer-Version gesehen habe, kam mir eher der Gedanke, dass es sich um eine Art „Entschuldigung“ handelt. Die alten Schubdüsen sehen nämlich wirklich schrecklich aus.



Da sind wir wieder bei dem Problem, das ich anfangs erwähnt hatte. Die 3D-gedruckten Teile wurden einfach lose mit in den Karton gelegt, was dazu geführt hat, dass sich an mehreren Stellen Teile von den Supports gelöst haben. Beschädigt sind sie zwar nicht, dennoch hätte man sie besser schützen können.
Die 3D-Teile selbst sehen wirklich sehr gut aus und haben beim trockenen Zusammenstecken eine fantastische Passform gezeigt. Bitte mehr davon, Trumpeter.
Passend zu den „sagged wheels“ sind die Nozzles ebenfalls in einer „stehenden“ Darstellung ausgeführt. Die inneren Nozzle Petals hängen sozusagen leicht durch. Somit ist die Verwendung der 3D-gedruckten Teile leider ausschließlich für ein stehendes Display sinnvoll, was wiederum die laufenden Displays im Cockpit etwas widersprüchlich erscheinen lässt.
Der Gussrahmen mit den Klarsichtteilen ist wirklich sehr sauber gegossen und glasklar. Etwas überdimensioniert wirkt jedoch die eingegossene Sprengschnur.


Anleitung: Was soll ich sagen? Es ist eine Trumpeter-Anleitung. Das immer gleiche Heft mit dem gewohnten Aufbau nach Schema F. Für erfahrene Modellbauer kein Problem, für Neulinge kann es jedoch schnell überfordernd sein, da nicht immer klar bildlich dargestellt wird, wo genau ein kleines Teil hingehört oder wichtige Hinweise irgendwo am Rand eines Bauschrittes erwähnt werden.
Ich bleibe dabei, Trumpeter sollte seine Bauanleitungen dringend ins Jahr 2026 bringen.






Bemalung: Bemalungstechnisch gibt es tatsächlich nur einen Vorschlag von Trumpeter, das bekannte, an die F-22 erinnernde Grau in Grau. Dabei wäre es doch mal eine coole Idee gewesen, auch den fotografierten Prototypen in Fabrikgelb als Beispiel zu bringen. Selbst das zweite, von der J-20 bekannte Farbschema haben wir nicht bekommen, die „Splitter“-Variante.
Die Decals sind ordentlich gedruckt. Für die Klappen der Weapon Bays liegen schwarze Decals für die Kanten bei, jedoch nicht für die restlichen markanten Detailkanten. Hier hätte man ebenfalls einfach nachlegen können, genauso wie für die Sprengschnur in der Canopy, wie es zum Beispiel Revell macht. Die Displays wirken zudem etwas unscharf.
Ansonsten ist der Decalbogen recht übersichtlich, da ist man von Flugzeugbausätzen oft mehr gewohnt.




Fazit: Wie immer ein solider Bausatz von Trumpeter mit den altbekannten Schwächen. Vieles wirkt etwas in die Jahre gekommen und auch wenn Trumpeter mittlerweile versucht gegenzusteuern, muss da noch mehr kommen, um nicht von der Konkurrenz abgehangen zu werden.
Wer einen Exoten bauen möchte, ist hier genau richtig, und den Preis von ca. 40 € ist der Bausatz auf jeden Fall wert. Wer als Anfänger aufmerksam mit der Anleitung arbeitet, sollte hier ebenfalls auf seine Kosten kommen.


Florian Schuster, Berlin (April 2026)

