Meine ersten Flugzeugmodelle waren 1/72er-Versionen der bekanntesten Typen, herausgebracht von Airfix, Revell und Frog, die ich noch so grade von meinem Taschengeld finanzieren konnte. Besondere Ereignisse waren es daher, wenn ich mal zu Weihnachten oder zum Geburtstag eines der „großen“ 1/32er Revell-Modelle bekam, die, eiligst gebaut, mit Nylonfäden an die Decke meines Jugendzimmers gehängt wurden.
Eines der ersten 32er-Modelle, die ich baute, war die 1967 erschienene Messerschmitt Bf 109G, hier in der Ausgabe, wie sie 1969 auf den Markt kam.





Aber erst als „gesetzter“ Modellbauer wurde mir klar, welche feinen und versenkten (!) Oberflächendetails dieser fast 60 Jahre alte Bausatz bereits damals zu bieten hatte! Die Niete sind kleine Ringe, und es existieren sogar Schnellverschlüsse mit Schlitz!
Dieser Bausatz kommt in einem erstaunlich kleinen und flachen Stülpkarton und beeindruckt durch das aktionsgeladene Deckelbild zweier „Gustavs“, die auf einer winterlichen Startbahn an der Ostfront bei Sonnenaufgang zum Einsatz starten. Leider ist das hier dargestellte Haubendach eher das einer „Friedrich“ als einer „Gustav“, aber dafür war das Ganze noch echte Handarbeit, KI war noch weit weit hinter dem Horizont!





Dieselben Formen wurden von Revell bis in die 1990er Jahre immer wieder neu aufgelegt, Exemplare dieses Kits tauchen gelegentlich bei Online-Anbietern, meist nicht unter 50 € auf. Meines ist eine Auflage von Revell-Germany aus den Anfang-Siebzigerjahren mit einer Bauanleitung mit deutscher Übersetzung.
Die 75 olivgrünen Bauteile finden sich an offenen, verzweigten und teils recht dicken Gussästen, viele Teile sind lose und können mangels eines Teileplanes nur auf Verdacht den einzelnen Ästen zugeordnet werden. Ein weiterer kleiner Rahmen beinhaltet drei relativ klare Glasteile. Durch den Bau leitet eine achtseitige Bauanleitung bestehend aus zwei beidseitig schwarzweiß bedruckten A5-Blättern. Sie beginnt mit einem seitenverkehrten Abdruck des Deckelbildes, wodurch die Laderlufteinläufe der Maschinen auf die Steuerbordseite geraten, was aber wohl damals nur den Nietenzählern unter uns aufgefallen sein dürfte. Die folgende halbe Seite ist einem historischen Abriss des Vorbildes gewidmet, der in übersetzter Form am Ende der BA noch einmal auftaucht. Die neun Bauabschnitte sind jeweils durch eine Explosionszeichnung illustriert. Auch ein kleiner Decalbogen auch ehemals weißem Papier gehört zum Kit.





Begonnen wird der Bau mit dem Motorblock, der aus immerhin sieben gut detaillierten Teilen besteht. Dann folgen Motorträger und Motorwaffen. Der zweite Abschnitt ist der Konstruktion des Seiten- und des Höhenleitwerkes gewidmet, wo durch Einhängen der Ruder in Scharniere eine bewegliche Darstellung ermöglicht wird. Leider lassen die Ruder jegliche Struktur der Stoffbespannung vermissen, sie sind einfach glatt dargestellt. In Abschnitt 3 werden bereits die Rumpfschalen zusammengefügt und die Leitwerke und Ruder montiert. Der Motor und das Instrumentenbrett sind zwischen die Rumpfschalen einzusetzen. An dieser Stelle müssen die Schlitze für die Montage der hinteren Hälften der typischen Waffenbeulen geöffnet werden.
Weiter geht es im Abschnitt 4 mit der Montage des Fahrwerkes, wobei die zweiteiligen Hauptfahrwerksräder mit einer kleinen Radnabe drehbar an den Fahrwerksbeinen montiert werden sollen. Erst in Abschnitt 5 erfolgt die Montage des Cockpits samt Pilotenfigur. Die Seitenpaneele sind gut detailliert einschließlich Leitungen, der etwas dickwandige Sitz hat dennoch die richtige Form und wird durch seitliche Rahmen einschließlich Höhenverstellhebel komplettiert. Es gibt einen realistischen Steuerknüppel und zwei einzelne Seitenruderpedale. Das mit erkennbaren Zifferblättern einschließlich Zeigern versehene Instrumentenbrett wurde bereits in Abschnitt 3 eingebaut.
In Abschnitt 6 werden die Querruder samt Ausgleichgewichten montiert, um dann in Abschnitt 7 beweglich zwischen die Flügelhälften eingelegt zu werden. Ebenfalls beweglich fixiert bleiben die Hauptfahrwerksbeine, deren Gelenke mittels einer kleinen Platte innen am Unterflügel befestigt werden. An dieser Stelle wird die komplette Cockpiteinheit ebenfalls auf den Unterflügel gesetzt. In Abschnitt 8 werden die vorderen Hälften der MG-Beulen und der Kompressor-Lufteinlauf an der Motorhaube befestigt. Und im letzten Abschnitt Nr. 9 kommt es zur Hochzeit zwischen Rumpf und Tragflächen. Der dreiteilige Propeller wird beweglich auf der Motorachse fixiert, wobei die Motorachse durch ein deutlich zu großes Loch vorn im Spinner herausragt und die Motorkanone darstellt, leider ohne die nötige Öffnung.
Wenn man in Baustufe 7 die entsprechenden Löcher vorgebohrt hat, kann man jetzt den Zusatztank mit stark vereinfachtem ETC unterhängen. Leider fehlen dem Tank die charakteristischen ringförmigen Einkerbungen, und die Form ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Die Klarsichthaube wird aus der Windschutzscheibe, der Klapphaube und dem hinteren Teil zusammengesteckt und nur vorn und hinten festgeklebt, so dass das Ganze klappbar bleibt. Ebenfalls befestigt werden der Kopfpanzer und das Revi. Die Decalpositionen werden im letzten Bauabschnitt direkt mit dargestellt und die Farbhinweise werden in Textform angegeben.





Die schon arg vergilbten Decals bestehen aus (zu) frühen Balkenkreuzen mit schwarzer Umrandung, weißen Gruppenkommandeurs-Doppelwinkeln und weißen Balken sowie Jagdgeschwader-54-„Grünherz“-Abzeichen sowie ein paar Wartungshinweisen. Ob sie noch brauchbar sind, wird sich erst beim Bau zeigen, ansonsten muss für Ersatz gesorgt werden.





Fazit: Dieses alte Schätzchen kann bei sorgfältigem Bau durchaus zu einem ansehnlichen Modell werden. Ob man die vielen Gimmicks wie bewegliche und drehbare Teile mag, bleibt jedem einzelnen Modellbauer überlassen. Fakt ist, dass diese Modelldinosaurier sich relativ gut bauen ließen und auch das Vorbild angemessen repräsentierten. Und die Oberflächendetails sind noch heute als sensationell zu bezeichnen. Ob die Ruderflächen unbedingt eine Bespannungsstruktur benötigen, kann man diskutieren, aber die Spinneröffnung sollte sicher verkleinert werden und die „Kanone“ angemessen aufgebohrt. Und wer wie ich den Zweischalen-Piloten nicht mag, sollte für Anschnallgurte sorgen. Alles andere kann aber so bleiben wie es ist.





Wer eine zeitgemäße Bf 109G in 1/32 haben möchte, hat genügend Auswahl bei modernen Kits von Revell, Hasegawa, Trumpeter und anderen. Hier handelt sich um einen Klassiker, den man meiner Meinung nach wenn überhaupt, nur O.O.B. bauen sollte. Ich persönlich liebe es, diese großen alten Kits zusammenzubauen, sie tragen viel meiner Jugend in sich. Und einmal einfach nur aus dem Karton zu bauen, ohne jeden Stress einfach der Bauanleitung nachzufolgen, keine Verbesserungen anzustreben, sondern alles zu nehmen, wie es ist, kann sehr erholsam sein. Das gelingt mir mit diesen wunderbaren, einfachen Kits aus der Frühzeit von Revell sehr gut.
Utz Schißau, Berlin (Mai, 2026)

