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Northrop XP-56 Black Bullet

MPM - 1/72

Historie: Wer sich für seltsame Vögel interessiert, kommt an den Resultaten der Ausschreibung R40C der US Luftwaffe für das Jahr 1940 nicht herum. Hier die ausgeführten Prototypen:

Der erste Prototyp von Northrop NS-2 hieß offiziell XP-56 und enthielt jede Menge Ähnlichkeit mit seinem ersten richtigen Nurflügler N1-M. Er enttäuschte auf der ganzen Linie: Erst kam der neue Motor XH-2600 viel zu spät, dann waren die Flugeigenschaften seit dem Erstflug am 30. September 1943 alles andere als ansprechend. Der erste Prototyp hatte bei einem Hochgeschwindigkeit-Rollversuch schließlich einen Reifenschaden mit anschließendem Dreher, der in einem Totalschaden endete.

Der zweite trug den von dem ersten erteilten Lektionen Rechnung, aber die erhöhte obere Flosse konnte auch nicht für die angestrebte Höchstgeschwindigkeit sorgen: bei 752 km/h war Schluss. Die Tatsache, dass auch die beiden Konkurrenten nicht erfolgreicher waren, war für John "Jack" Northrop sicher kein Trost.

Der Bausatz ist, wie bei MPM üblich, nett anzuschauen: gute Oberflächen mit feinster Gravur, korrekte Größen, saubere Verarbeitung, Die Kühlergitter in Resin passen gut dazu, ebenso die in Spritzguss klar gegossene dünne Kanzel (leider nur einteilig).

Der Rumpf beinhaltet die Motorverkleidung, Cockpit und Bugradschacht. Die angedeuteten Abgasrohre schreien förmlich danach, aufgebohrt und durch Messingröhrchen ersetzt zu werden. Die Hälften passen exakt zueinander, da geht es fast ohne Spachtel. Aber vorher sind ja noch die Einbauten anzufertigen: Der Bugradschacht braucht ein wenig Anpassung, denn er kann mit dem Cockpit eine Einheit bilden, wenn die Zuordnung in der Länge stimmt. Dass der Rückenspant des Cockpits wesentlich kleiner ist als die Ausnehmung im Rumpf sollte lieber vorher ausgeglichen werden, sonst sitzt das alles recht windschief.

Den Rumpfabschluß bilden die Entlüftungsklappen des Motorraums und der gegenläufige Propeller. Die Nabe kann man auch in 2 Teile sägen und so die beiden Hälften gegeneinander verdrehen, damit die Propellerblätter nicht so steif ausgerichtet aussehen. Die Entlüftungsklappen habe ich abgeschnitten, einen passenden Drahtring statt dessen am Heck montiert und dann kleine vorgeformte Blechteile einzeln außen und innen aufgeklebt, denn auf meinen Vorlagen waren die Klappen immer offen...

Das Cockpit selbst ist einfach, aber mit Mühe gemacht: leider aber völlig anders als das Original! Wie kommt MPM nur dazu, neue Teile mit überraschenden Einzelheiten wie den Satelliten-Konsolen zu erfinden? Zugegeben, die Bullet sieht futuristisch aus, aber so ganz sollte man sich dennoch den Realitäten entziehen. Oder ist das ein Test, wie leidensfähig die Modellbauer so sind? Ich habe mal alle Folterwerkzeuge der gehobenen Klasse aktiviert (Punch & Die, Reheat Models Armaturen, Rahmen, Hebel und Schaltkästen, die große Arbeitslupe, ein beruhigendes Glas Rotwein usw.) und mich bei meiner Familie abgemeldet.

So entstanden nach und nach ein neuer Sitz mit Gurten, die Welle für die Ruderseile mit ihren Seiltrommeln, Pedalerie, Seitenkonsolen mit Gas- und Propellerverstellhebeln und schließlich das am Original orientierte Armaturenbrett. Eine prima Vorlage dazu liefert die Dokumentation zur XP-56 in AirMagazine No. 6. Wenn man die Armaturenabdeckung schön dünn und konturgerecht schleift, passt die auch noch drauf und gibt so eine gute Orientierung für die Position des Armaturenbretts.



Damit der geneigte Interessent auch was sieht von all der Arbeit, wird die Kanzel offen gestaltet: auseinander sägen mit der Rasierklingensäge heißt die Kampfansage an das erstklassig klar gegossene Bausatzteil. Vorher bin ich noch mit einem kleinen Kreissägeblatt über die Rahmen geradelt, weil auf den Bildern meiner Quellen dort jede Menge Nieten oder Schrauben zu sehen sind. Der Mast auf der Frontscheibe sollte auch angepasst werden, denn in seiner Bausatzform montiert geht das Kabinendach sicher nicht auf!

Die Flächen sind ziemlich massiv, die "Kühlergrills" aus Resin passen haargenau, ragen aber ein wenig in die Innenkontur hinein - das ist die Montagefläche zum Rumpf: am Besten bereits vorher abtrennen. Auch bei den Fahrwerksschächten darf diese Montagefläche nicht überschritten werden, sonst wird's nichts mit der erholsamen Endmontage. Mein Vorbild hat keck eingeschlagene Ruder: also die Klappen raussägen, im vorderen Bereich je nach Einschlag mit Evergreen Profil auffüttern und bis zur Endmontage weglegen.

Die toten Positionslichter werden wegseziert und erhalten Klarsichtaugen. Mit roter und grüner Farbe gefüllte Bohrungen darin stellen die Birnen dar. Backbord ist rot. Wo war noch mal backbord? Der so befragte Obermaat gab seinem Kadett rechtshändig ein Backpfeife und sagte: "Wo Deine Backe rot ist, ist backbord". Meine gründliche Neugier ließ mich die Flächen probeweise mal mit Weißleim montieren, und siehe da, die Flächen hatten sehr unterschiedliche Winkel. Also Schleifen, bis es passt. Und noch mal Probemontieren, denn drei mal abgeschnitten ist immer noch zu kurz!

Das Fahrwerk ist nicht schlecht für eine Short Run Produktion. Die Scheren kann man aus Resten von ehemals sündteuren Ätzteilen machen, so auch die Anbauteile für den handgeschnitzten Lenkantrieb am Bugrad. Die Hauptfahrwerksräder sind sehr schlicht, aber genau so groß wie die schönen Räder der Me 262 von Revell. Und da die Bremse im abgeschnittenen Segment ihres Halters (muss man selbst anfertigen) zu sehen ist, war das die (auch historisch zeitkonforme) Lösung.

Alle Fahrwerksklappen erhalten die "Zahnbehandlung" mit dem Kreissägeblatt, denn da waren Innen- und Außenplatten miteinander verbunden: sie waren im Gegensatz zu dem restlichen Flugzeug nicht aus verschweißtem Magnesium, sondern genietetem Alublech. Deswegen werden sie auch nachher heller lackiert!

Die Lackierung ist gerade bei diesem Flugzeug eine wichtige Entscheidung: Mit kurzer Rückenflosse und ohne Spreizklappen und deren Betätigung ist es der erste Prototyp, das ist schon mal klar. Der war aber bis kurz vor dem Erstflug lackiert. Warum dann die Farbe zum Erstflug runter musste, wissen wohl nur wenige Eingeweihte, jedenfalls zeigen alle Bilder das Flugzeug im Erstflug nackt.

Ich habe es mal wieder mit Alclad 2 Duralumin mit etwas Schwarz-Aluminium probiert, einschließlich der schwarzen Hochglanzgrundierung des gleichen Herstellers. Und mindestens 48 Stunden trocknen lassen zwischen den einzelnen Lackiervorgängen habe ich auch vorschriftsmäßig eingehalten. Und genau da, wo gespachtelt war, gab es 2 Wochen später ganz feine Risse...

Die Decals sind superfein und erstklassig gedruckt, da gibt's nichts zu meckern. Mit Klarlack drüberlackieren habe ich mir gespart, weil ich nicht weiß, was dem Alclad noch alles einfällt. Dann noch die fertig lackierten Ruder anbringen, Pitotrohr im Backbordflügel montieren, Antenne drauf und fertig.

Fazit: Ein richtig guter passgenauer Bausatz mit sehr eigenwilligem Vorschlag fürs Cockpit - und für den ambitionierten Modellbauer bleibt noch Raum zur Kreativität. Geschichtlich eine Sackgasse: Die zukunftsträchtige N9-M bildete die Basis für den Bomber XB-35 bzw. Jetbomber YB-49, was viele als die Grundlage für die B-2 ansehen. Wer dann noch die Vultee XP-54 Swoose Goose oder dieCurtiss XP-55 Ascender daneben stellen kann, der hat eine ziemlich komplette Sammlung der Möglichkeiten, einen Jäger anders zu bauen als es sonst so üblich war.

Quellen:
The Flying Wings of Jack Northrop von Garry R. Pape, John M. & Donna Campbell bei Schiffer Military/Aviation History
AirMagazine No.6, Jan/Feb. 2002
La Saga des Ailes Volantes Northrop, AIR FAN FANAVIA, 1998

Christian Breuning (IP 84), Much-Kranüchel