Henschel Hs 129 B

Lindberg 441 - 1/72

Dieser allererste Bausatz des zweimotorigen Henschel-Schlachtflugzeuges in zweiundsiebzigfacher Verkleinerung ist heute längst nicht mehr die erste Wahl. Besitzt, in gewisser Weise, aber immer noch eine Daseinsberechtigung, da er zumindest ein klein wenig dazu beiträgt die ansonsten eher karge Auswahl an Hs-129-Kits innerhalb des ungebrochen beliebten Standardmaßstab 1/72 zu bereichern. Allerdings sollte jeder hieran Interessierte aber bereit sein, bei diesem klassischem Lindberg-Bausatz einige Abstriche bei der Detailfülle in Kauf zu nehmen. Andererseits wird man dafür aber durch eine wohl nur schwer zu überbietende Simplizität im Aufbau belohnt. Genauso wie man möglicherweise später erstaunt sein wird, wie gut das fertige Modell aussieht. Wofür in erster Linie die korrekten Proportionen und der ausgewogen wirkende, Besatz mit dezent, hervortretenden Oberflächendetails verantwortlich ist. Womit es der Firma Lindberg auch hier einmal mehr gelang mittels feinsten Panellines, und eher unaufdringlichen Nietenreihen sowie , recht filigranen, Strukturen an Rumpf und Tragflächen einen realitätsnahen Eindruck zu suggerieren. Wenn dieser freilich auch oftmals etwas vom Original abweicht. Wodurch dann die unbestrittenen Vorteile wie die ordentliche Gussqualität oder das Lindberg-typische einteilige Höhenleitwerk das den Zusammenbau zu vereinfachen hilft, letztlich wieder etwas geschmälert werden.

Daher wundert es wenig das bereits zwei Jahre später, d.h. 1968, ein weiterer 129er Kit in 1/72 herauskam. Dieser schien zwar vordergründig beinahe 1 zu 1 vom Lindberg-Kit kopiert zu sein, versuchte aber zusätzlich noch dessen Schwächen zu verbessern. Was der Formenbau-Abteilung von Airfix im Endergebnis eigentlich durchaus gelang, und wahrscheinlich auch der Grund dafür sein dürfte das der einst in Großbritannien erschaffene Bausatz selbst heute noch sowohl in Tschechien (von Bilek), wie auch von SK-Models (Polen), angeboten wird. Während das englische Original, dass bis zum Erscheinen des Italeri-Modells, dass derzeit sicherlich den besten Bausatz darstellt, von Hornby-Airfix, momentan gerade mal nicht lieferbar ist.

Aber zurück zu den Mängeln des Lindberg-Kits, deren größter wohl im Fehlen von Triebwerksfronten-Nachbildungen bestünde. Denn wie bei einigen anderen Bausätzen auch, bietet der bekannte US-Hersteller an dieser Stelle nur eine plane Scheibe in welche der Propellerschaft eingesteckt wird. Obwohl die beim Italeri-Modell diesbezüglich mitgelieferte, reliefartig abgegossene, Motornachbildung zwar recht einfach scheint, ist deren Wirkung dennoch unvergleichlich besser. Während es von Airfix, für das zweireihige Gnome-Rhone Triebwerk, sogar zwei separate "Sterne" gab. Meiner Meinung nach würde dem Lindberg-Kit an besagter Stelle bereits ein entsprechendes Abziehbild zu mehr Authentizität verhelfen können.

Womit wir gleich bei einem weiteren Manko wären, weil die heutzutage in Cedar Rapids ansässige Firma, bis heute immer noch die, alten, unkorrekten Decals mitliefert. Von denen man von den Balkenkreuzen, sowie dem gelben Ostfront-Rumpfband abgesehen, eigentlich nichts verwenden kann. Da die mitgelieferte Kennzeichnung wie auch die Geschwaderwappen bestenfalls vielleicht noch zu einem Bf-110-Zerstörer, keinesfalls aber zu einem Hs-129-Schlachtflugzeug passen.

Auch das Hauptfahrwerk lässt etwas zu wünschen übrig weil hier, die bei Airfix, neben den Streben, gänzlich fehlenden Spurgabeln, ohne durchbrochene Zwischenräume abgegossen wurden. Ferner wurden an den Fahrwerksbeinen auch keine anliegenden Schellen oder Gummimanschetten ausgebildet, welche in England, aber mit ausgeformt wurden. Außerdem gibt es bei Lindberg keinerlei angedeutete Oberflächen-Strukturen an den, bei diesem Bausatz zumindest, immerhin vorhandenen Fahrwerkschächten Zu guter Letzt weisen leider auch noch die Räder selbst, an Felgen und Reifen keinerlei Details auf.

Bei der Baureihenkonformität wird es ebenfalls heikel. Wohlweislich gibt man hier lediglich "Hs 129 B" an, obwohl in diesen Bausatz offenbar auch einige Attribute anderer Versionen mit einbezogenen wurden. Da dies aber aufgrund mannigfaltiger Rüstsätze, bzw. Feld-Einbauten, auch beim Originals nicht immer ganz klar ersichtlich war, sollte man in dieser Beziehung vielleicht etwas tolerant sein. Weshalb dann auch die fehlenden Ausbuchtungen an den MG 151 Mündungen am Vorderrumpf letztendlich noch zu entschuldigen wären. Fehlende ETCs sollten eigentlich gleichfalls nicht übermäßig stören, weil es je nach Kampf-Auftrag, vor dem Einsatz sicherlich des öfteren zu deren An- bzw. Abbau kam.

Schwerwiegender wird es allerdings mit der Waffengondel am Rumpfboden. Eigentlich müsste hier eine Maschinenkanone des Kalibers 30mm installiert sein. Wobei es beim Vorbild gleich zwei Möglichkeiten gab, nämlich die Mk 101 und die Mk 103. Gefühlt hat Lindberg hier aber mindestens eine BK 3,7 oder BK 5 nachgebildet. Womit, wenn überhaupt, in Wirklichkeit nur einzelne Hs 129-Versuchsexemplare ausgerüstet wurden, die niemals in den Frontdienst gelangten. Daher ist hier generell von einem zu groß und auch etwas unauthentisch nachgebildeten Waffenbehälter bzw. Waffenwanne nebst einem, in jedem Falle, überdimensionierten Rohrdurchmesser der Maschinenkanone auszugehen.

Addiert man dazu noch den falsch nachgebildeten Cockpitbereich ohne außenliegendem Zielvisier, nebst einer Kabinenhaube die, im Gegensatz zum Original, am hinteren Ende zu weit verglast ist. Zu dem sich noch die falsche Position, des fehlerhaft dargestellten, gepanzerten Sitzes gesellt, so ist das Resultat recht bescheiden.

Die beiliegende Pilotenfigur wäre zwar soweit in Ordnung. Stellt aber strenggenommen keinen konkreten Pluspunkt dar. Weil man dem Flugzeugführer, bei dem es sich de facto lediglich, nur um eine von Lindbergs universellen WK-II-Pilotenfiguren handelt, eine angelegte Fliegerbrille aufmodelliert hat!

Wodurch dann, beim abschließendem Fazit, eine eher schwierige Bewertungssituation entsteht. Auf der einen Seite hat man hier sicherlich ein in Punkto Vergratung passables Einstiegs-Modell das auch noch sehr gut für Anfänger geeignet ist. Und zumindest in den USA auch günstig angeboten wird, oder anders gesagt, angemessen ausgepreist wurde, da man es dort ungefähr zum halben Preis des Italeri bzw. Revell oder Tamiya-Kits bekommen kann. Weshalb wenigsten dort der Kompromiss eingegangen werden kann, zu sagen halber Preis- halb so gut detailliert.

Hierzulande für diesen Bausatz aber in jedem Fall mehr wie für die vorgenannten, besseren, identischen Kits bezahlt werden muss, falls man überhaupt ein neues Exemplar ergattern kann. Während antiquarisch gehandelte Lindberg-Bausätze bekanntlich gleichfalls teuer sind. Obwohl dieser Bausatz (den es übrigens ab 1985, auch schon einmal von Revell Deutschland gab) bis auf das Deckelbild, in Wirklichkeit, aber ununterbrochen hergestellt wird! Und daher also, hinsichtlich seines Marktwerts, eigentlich keinesfalls ein seltenes Sammlerstück darstellen sollte.

Zdenek Nevole (November 2012)